Freitag, 4. Dezember 2009


Die Brückenkopfhäuser waren Hitler ein besonderes Herzensanliegen

Dies ist eine Arbeit im Rahmen des Studiengangs Master of Arts in Art Education im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt Europas Linz im Jahr 2009


Martin Heller macht eine Führung durch "seine" Kulturhauptstadt


Ich besuchte die Kulturhauptstadt 2009 zweimal. Das erste Mal im Februar. Ich fuhr mit dem Auto von Zürich aus, was Ausflüge in die Umgebung erleichterte.
Die zweite Reise erfolgte mit der Gruppe Studenten der ZHdK, die sich zum Modul mit Martin Heller entschieden hatte, das die Kulturhauptstadt thematisierte. Wir reisten im Mai in die Stadt, die Europa zu einem paneuropäischen Fest der Kultur und der Kulturen empfing.
Beim zweiten Besuch entstand gleich in den ersten Minuten ein Bild, das für die Erlebnisse in der Stadt steht: Der Eingang zum Informationsbüro von Linz 09 ist in einem Seitenflügel des von Adolf Hitler persönlich in Auftrag gegebenen Brückenkopfgebäudes untergebracht. Der Vorplatz wurde für das Jahr, in dem das ganze kulturinteressierte Europa zum Fest geladen war, mit einer Treppenbühne überbaut, die in ihrer rot weissen Karomusterung an Wachstuchtischdecken erinnert, wie sie in Arbeiterfamilien und Alpenclubhütten alltäglich waren und sind. Drüber erhebt sich die himmelblaue Fassade des dominantesten Hauses der Stadt. Sie schliesst den Hauptplatz gegen die Donau hin ab oder eröffnet ihn von der Donau her, je nach Perspektive.


Die Pestsäule steht mitten auf dem Hautptplatz

Die hellblaue Fassade wurde nun in der Zeit zwischen meinen Besuchen in einer Kunstaktion so heruntergeschlagen, dass die Wirkung entsteht, das Gebäude darunter blute. Wie wenn man einem Menschen die Haut einschneidet und mit einem raschen Ruck vom Körper reisst. Bevor die Wunde richtig zu bluten anfängt, entsteht ein rot-weisses Muster aus subkutanem Fettgewebe und verletzten Blutgefässen. Erst nach einer vergleichsweise langen Zeit fängt das Blut an aus den Wunden zu fliessen. Der brennende Schmerz der Verletzung stellt sich nach einem anfänglichen Erstaunen über den Ruck des Wegreissenes, erst mit einiger Verzögerung ein. Genauso ergibt sich an der Fassade des Hauses ein Bild von weggerissenen Hautfetzen, die entblössen was darunter liegt, und ein körperlicher Schmerz stellte sich mir bei jedem Blick auf das Gemäuer, täglich neu ein, als wäre ich selber der Verwundete. Die Verletzungen der Fassade stellen einer Landkarte von Europa gleich die Wege der Vertriebenen und Verschickten in alle Welt dar. Wie ein Netz ziehen sich die Spuren von Verfolgung und Flucht von Linz aus über Europa und bis nach Übersee. Rundum stellen die gutbürgerlichen Barockhäuser mit ihren bunten Fassaden und den darin untergebrachten Kaffeehäusern und Allerweltsgeschäften eine heile Welt dar, die in krassem Gegensatz zur Geschichte des Ortes steht.
Das Haus am Brückenkopf zeigte sich in dieser Kunstaktion von seiner verwundbaren Seite und von seiner überraschend unschuldigen gleichzeitig. Ausser dem Fundament, das mit Granit aus dem Konzentrationslager Mauthausen gebaut ist, besteht es aus unschuldigem rotem Backstein. Der eisenrote Ziegelstein, der unter dem weggeschlagenen Putz hervorschaut, vermittelt diesen Eindruck der Verletzung.
So fielen im selben Blick auf ein und dasselbe Gebäude zwei wesentliche Aspekte der Stadt Linz zusammen: Die kleinstädtische, fast unverantwortliche Gemütlichkeit und Familiarität auf der einen Seite und auf der andern Seite das Grauen, das diese Stadt mit ihrem berühmtesten Sohn Adolf Hitler in die Welt hinaus gesandt hatte.


In alle Windrichtungen wurden Menschen von Linz aus verschickt

Eindrücke aus zwei Besuchen in Linz im Februar und Mai 2009
Ein Tagebuch

Darf oder muss die Forderung Thomas Manns nicht auf andere Gebiete der menschlichen Äusserung gelten? Ist, was mit Billigung oder Lob eines Terrorregimes geschaffen wurde grundsätzlich weniger als wertlos und lässt sich diese Forderung nach Zerstörung auch ausdehnen? Wie steht es mit Häusern? Modert in ihren dunkeln Kellern noch der Mief von Angst und Verfolgung, von Gewaltherrschaft und Machtausübung? Gehen die braun gekleideten Gespenster der Vergangenheit hinter verschlossenen Türen und in verlassenen Kellern noch ihre Runden? Oder ist ihr Weg ein Öffentlicher, der sich nur ein anderes Gewand übergezogen hat, aber eigentlich in der Tiefe seines Wesens den gleichen Odem von Mord, Ausbeutung, Lüge, Profitgier und Denunziation verströmt? Wie steht es mit Meinungen? Gibt es Meinungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die 60 Jahre wechselhafter Geschichte überstanden haben ohne dass ihre ursprünglich braune Farbe abgeblättert ist, und ohne dass sie zur Tarnung übertüncht wurden? Oder sollten sie Büchern gleich eingestampft werden, und sollten Häuser aus dieser Zeit abgebrochen werden, da sie mit ihrer Präsenz im öffentlichen Raum eine geschmacksbildende Wirkung haben und einen Geist verströmen, der die demokratische Gesinnung untergräbt, so wie dies Literatur tut, welche die Diktatur verherrlicht? Gibt es Menschen, welche die braune Zeit erlebt haben und frei zu ihrer Zugehörigkeit zur damaligen Machtgesellschaft stehen? Wie steht die Stadt Linz im Jahr 2009, wo sie als Europäische Kulturhauptstadt Gastgeberin ist für die kulturinteressierten Menschen Europas, zu ihrer Geschichte? Eine Geschichte, die mit Hitler so eng verbunden ist, wie die weniger Städte im damaligen Dritten Reich? Wie richtet sie zwischen den Ruinen der Zwangsarbeiterlager und dem Ort der Gestapo Leitstelle Linz ein fröhliches, ganzjähriges Fest der Europäischen Kultur ein?
Diese und mehr Fragen standen am Anfang einer Spurensuche, die mich während einigen Tagen im Februar 2009 zwischen der Nibelungenbrücke (Sie heisst heute noch so) und dem Konzentrationslager Mauthausen hin und her wandern und fahren liess.

Die Einfahrt nach Linz gestaltete sich verwirrlicher als erwartet. Ich fuhr mit dem Auto am Bahnhof vorbei und verirrte mich in die Fussgängerpassage, wohl weil ich ein mir nicht vertrautes Verkehrsschild falsch interpretiert hatte. Die Strasse, wo die Strassenbahn fährt, ist mit Granitplatten belegt.
Eine lückenlos erhaltene oder wieder errichtete Zeile von bunten Barockhäusern umrundet den langen Hauptplatz. In seiner Mitte steht - auch sie in verspieltem Barock - die Pestsäule. Auch der Hauptplatz ist mit Granitplatten belegt, Granit allenthalben. Der Hauptplatz der Stadt gleicht einer Granitwanne, auf deren Rand sich barocke Stuckarchitektur erhebt.




72 Lager konnte ich alleine auf dem Stadtgebiet von Linz entdecken

In einem Schaufenster am alten Rathaus entdeckte ich eine Karte, wo alle Plätze verzeichnet waren, die in einem Zusammenhang stehen mit der Geschichte der Zwangsarbeiter in der Stadt Linz von 1938 - 45. Ich zählte darauf allein auf dem Stadtgebiet von Linz 75 Lager, wo Zwangsarbeiter untergebracht worden sind. Viele davon liegen mitten in der dicht besiedelten Altstadt. Ausserdem waren darauf die Lage des Gestapogebäudes, und der Gedenktafeln zu sehen. Die Karte war weder im Rathaus noch im Büro von Linz 09 gedruckt erhältlich, so behalf ich mir damit, dass ich sie abfotografierte, um sie zuhause dann auszudrucken und beim zweiten Besuch als Karte verwenden zu können. Im daneben liegenden Informationsbüro von Linz 09 erwarb ich mir das Buch Linz Kulturhauptstadt des Führers, das mich auf meiner Recherche durch die Stadt führen sollte.

Wo immer ich gehe...

...schaue ich aus nach Gedenktafeln, die sich mit der Geschichte des Orts befassen, auf dem Hauptplatz in Linz entdeckte ich keine, aber am östlichen Brückenpfeiler der Nibelungenbrücke ist eine angebracht:


Am Brückenkopf wird nur der sekundären Opfer gedacht. Die Ermordeten werden vergessen.
Diese Tafel wurde im Laufe des Jahres etwas kaschiert mit einer Kunstinstallation

Mit dem Überschreiten
dieser Brücke endeten im
Jahre 1945 die Schrecken
der Vertreibung für
zehntausende Sudetendeutsche.

Gerahmt wird diese Schrift mit Landeswappen die Johanniterkreuz mit Reichsadlern verbinden. Diese Tafel war beim Besuch im Mai etwas verdeckt von einer Kunstinstallation, die ein Bushäuschen darstellte, an der nie ein Bus nach irgendwohin fährt. Hier sind die Vertriebenen angekommen ohne weiteres Ziel.

Sudetendeutsche sind die Nachfahren der im 12. und 13. Jahrhundert aus Bayern, Franken und Obersachsen ostwärts ins so genannte Sudetenland beim Riesengebirge gewanderten Kolonisatoren in Böhmen und Mähren. Sie bildeten dort eine bedeutende Bevölkerungsminderheit und erreichten einen Bevölkerungsanteil von beinahe einem Drittel.
Hitler proklamierte: „Wo Deutsche leben, ist Deutschland“, und ebnete sich damit via die Sudetendeutschen moralisch den Weg, die Tschechoslowakei mit Hilfe des Münchner Abkommens vom 29. September 1939 zu annektieren. Die deutschen Einwohner des Gebietes erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft. Am 12. Mai 1945 verkündete der aus dem Londoner Exil zurückgekehrte Tschechoslowakische Präsident Edvard Benes in Brünn: „Das deutsche Volk hat in diesem Krieg aufgehört, menschlich erträglich zu sein, und erscheint uns nur noch als ein einziges grosses menschliches Ungeheuer... Wir haben gesagt, dass wir das deutsche Problem in der Republik völlig.... liquidieren müssen.“ Die an und für sich völkerrechtswidrige Vertreibung eines ganzes Bevölkerungsanteils, die mit dieser Proklamation gerechtfertigt wurde, bestätigte und legitimierte das Potsdamer Abkommen vom Juli / August 1945 von Stalin, Truman und Churchill.
Hier endete also ihre Flucht. Hier, wo vermutlich bis kurz zuvor die von der Zwangsarbeit erschöpften Menschen zur Vernichtung in Mauthausen getrieben wurden, endete die Flucht der deutschstämmigen Bewohner Böhmens.
Die Wege der Zwangsarbeiter und der vertriebenen jüdischen Einwohnern ist im Brückenkoppfgebäude in einer Ausstellung in den Schaufenstern eines leerstehenden Geschäftes aufgezeichnet, und auch in der abgeschlagenen Fassade des Hauses thematisiert.


Sonst fand ich an diesem Nachmittag nur noch eine einzige Gedenktafel, doch dazu später.

Auf dem Weg aus dem Stadtzentrum durchfuhr ich die Lücke zwischen den beiden Brückenkopfhäusern, die seit 1943 den Weg vom Hauptplatz zur Donau hin säumen und zur damals neu errichteten Nibelungenbrücke freigeben. Die Fundamente sind aus Granit, ebenso die Friese im oberen Gebäudebereich. Die Pilaster sind aus Putz. Die Brücke ist eine schlichte Stahlkonstruktion und liegt auf zwei Pfeilern aus Granit. Granit ist robust, witterungs- und säurebeständig und somit für den Bau von Brückenpfeilern bestens geeignet. Nach den ursprünglichen Plänen hätte sie mit mehreren Reiterstandbildern aus Granit geschmückt werden sollen, die aber nie ausgeführt wurden. Sie hätten die Figuren aus den Nibelungensagen darstellen sollen. Zur Begrüssung Hitlers wurden 1943 zwei Gipsmaquetten in Originalgrösse auf den südlichen Brückenkopf gestellt.
Eine kurze Strecke fuhr ich der Donau entlang flussaufwärts in westlicher Richtung und schon verliess ich das eigentliche Stadtgebiet. Es ist ein Weg, der als Jakobsweg den Weg nach Santiago de Compostella bezeichnet. Pilgern auf den Wegen der Vertriebenen. Oder Vertreibung auf Pilgerwegen? Über eine Strasse, die mit Zaubertal beschriftet ist, gelangte ich auf den Römerberg und von da ist es nicht mehr weit zur Jugendherberge, die hinter dem neuen Sportstadion in einem schlichten, zweckmässigen Bau aus den 1980er Jahren untergebracht ist.


Hitler hatte seine eigenen Vorstellungen was Kunst soll

Mein erster Gang galt der Ausstellung Kulturhauptstadt des Führers im Schlossmuseum, die der Geschichte von Hitlers Phantasien bezüglich seiner Heimatstadt nachgeht. Hitler ist in Braunau, unweit von Linz aufgewachsen und verehrte seine Heimatstadt offenbar sehr. Er plante, sich im Alter hier niederzulassen und wollte zu diesem Zweck die Stadt praktisch neu erbauen. Grosse Pläne und zum Teil auch Modelle seiner Lieblingsarchitekten Speer und Giesler sind erhalten geblieben.
Das Schloss erhebt sich über der Altstadt und ist besonders von der Donau aus ein markanter Punkt mit einem schönen Weitblick über das Land und den Fluss.
Im ersten Raum der Ausstellung hingen Zeichnungen Hitlers, Architekturskizzen und Fotos. Eine Weginstallation, die sich durch den Raum zog, verhinderte dass man die Bilder bequem aus verschiedenen Distanzen betrachten konnte. Sonst schien sie keine Funktion zu haben.
Als ich im zweiten Raum die Bilder betrachtete, wo gezeigt wurde, wie 1943 auf der Nibelungenbrücke die gigantischen Reiterstandbilder von Kriemhild und Siegfried aufgerichtet wurden, belauschte ich einen ältern Herrn, der seiner etwas jüngeren Frau schwärmerisch erzählte, wie es damals war:

„Ich war noch so klein“


Ein Gespräch mit Ferdinand Oberbauer

„Wie sie Figuren auf der Brücke aufgestellt haben, war ich ja noch so klein“, er zeigte es mit der Hand. Wie sich im späteren Gespräch herausstellte, ist er 1934 geboren und war somit damals, 1943 neun Jahre alt. „Alles für den Adolf“, fuhr er weiter, „ja, das war schon gigantisch, und nachdem der Adolf wieder weg war, haben sie das wieder abgeräumt. Das war ja nur aus Gips, nur mal so hingestellt um dem Führer ein Geschenk zu machen. Unglaublich die Grösse. Jemand hat sich den Spass erlaubt, zu sagen, der Busen

Der Mensch kam dann grad weg

der Kriemhild sei in seiner Steilheit ein idealer Ort für die Spatzen zum Nisten. Ich glaube, der Mensch kam dann grad weg. Ja es waren strenge Zeiten, damals.“ Als er verstummte, sprach ich ihn an, um noch mehr Information aus erster Hand aus ihm herauszuholen.
„Ja, das hat mich wirklich sehr beeindruckt, diese Grösse und die Strenge der Figuren, ich war ja ein Kind. Und als dann der Adolf im offenen Auto über die Brücke gefahren kam, da stand ich in der vordersten Reihe, meine Mutter hinter mir.“ Er blickte mir dabei immer genau in die Augen. „Ich habe ihn aber nicht gegrüsst. So war ich halt erzogen, mein Vater war ja keiner. Und als er ganz nahe war, da sagte meine Mutter: „Jetzt grüsse aber den Führer richtig, sonst kommt dein Papa ins Konzentrationslager.“ Da habe ich ihn dann gegrüsst. So, sie wissen ja wohl wie.“ Dabei stand er stramm und hob den Arm zum Hitlergruss, aber als er die Menschen rundherum sah, nur bis zur halben Höhe. Ich stellte mich daraufhin als Journalist vor und fragte ihn, ob ich seine Aussagen mit seinem Namen verwenden dürfe. Freudig sagte er zu und nahm mich etwas zur Seite.
„Damals, das waren nicht alles böse Menschen, wie gesagt, mein Vater war keiner. Viele waren keine, aber das waren halt einfach Arbeitslose. Österreich lag nach den Wirren der Dollfussaffäre am Boden. Es gab keine Arbeit und dann kommt einer und verspricht Arbeit und Lohn. Den hätten Sie auch gewählt. Das ist doch klar. Er war uns willkommen. Wenn Ihnen jemand 20000 im

Den hätten Sie auch gewählt

Monat verspricht und Ordnung dazu, dann wählen Sie den auch. Das wäre auch in der Schweiz sicher nicht anders.“ Der Mann war kleingewachsen, trug einen hellen Anzug, eine Brille mit einer Stahlfassung, die dem Gesicht ein strenges Aussehen verlieh. Sein Name ist Ferdinand Oberbauer. Er ist Ingenieur und weiss Bescheid über die Entstehung der Herrmann Göring Werke, die heute unter dem Namen VOEST Alpine funktionieren. Hitler gründete sie 1939, um einem drohenden Stahlboykott bei einem allfälligen Kriegsausbruch von Schweden vorzubeugen. Um das Werksgelände freizubekommen, musste ein ganzes Dorf, St. Peter samt Friedhof umgesiedelt werden. Oberbauer fragte mich, ob ich an der Geschichte der Herrmann Göring Werke interessiert sei, was ich selbstverständlich bejahte. Er versprach, mir am Abend noch Bücher zur Gründungszeit dieser Stahlwerke zu bringen. Am Abend erschien er mit seiner Frau zusammen in der Jugendherberge und übergab mir Bücher, einen Stadtplan und Adressen der Verantwortlichen des VÖEST Geschichtsvereins, die die Geschichte der im Jahre 1939 gegründeten Herrmann Göring Werke auf dem Gelände der Gemeinde St. Peter dokumentieren. „Man soll heute nicht einfach alles schlecht reden, was damals war.“

Man soll nicht alles schlechtreden

Die Zeit war einfach anders, man kann nicht alles, was damals normal war auf heute übertragen, aber auch damals war ja nicht alles nur schlecht. Mein Vater war ja auch keiner und hat trotzdem Arbeit bekommen. Und es war ja nie anders. Man baute etwas auf und dann kam ein Krieg, wo alles zerstört wurde, und dann gab das wieder Arbeit, die Leute konnten leben, und so kam

Dank dem Krieg gab es Arbeit

dann, wenn es fertig war, wieder ein Krieg, ja den musste man machen, um dann wieder Arbeit zu machen, wenn er vorbei war. So gesehen sind wir jetzt wieder in einer Vorkriegszeit. Es ist alles schön fertig und die Leute beginnen die Arbeit zu verlieren. Wer weiss, was denen da wieder einfallen wird.“ Dabei lachte er und schaute nochmals die Bilder von der Aufrichtung der Reiterbilder von Siegfried und Kriemhilde an. „Ja grossartig war das damals.“
Er zeigte mir auf der Karte, wohin die Leute von St. Peter umgesiedelt wurden. Es sind für die damalige Zeit mustergültige Einfamilienhaussiedlungen am südlichen und nördlichen Stadtrand, Bauernland.

Ja, grossartig war das

„Die Enteignungen und Umsiedlungen sind weitgehend geordnet verlaufen. Ich war damals ja noch so klein, aber ich denke, das lief glatt. Die Leute wussten ja, da gab es nicht zu wehren, sie wussten, mit wem sie es zu tun hatten und dann lief eben alles glatt. Ausserdem bekamen die Leute ja auch bessere Häuser, als sie gehabt hatten, man lebte ja sehr einfach damals, ein Bad gab es nur in reichen Häusern. Die andern hatten alle nur so ein Plumpsklo. Jetzt bekamen sie ein Bad und manche sogar eine Garage.“ Soweit Ferdinand Oberbauer.

In der gleichen Ausstellung im Schloss bezogen Künstler und Politiker aus Linz Stellung unter anderem dazu, wie sie mit der Vergangenheit umgehen.

Anna Mitgutsch in einem Video in der Ausstellung: „Die NS Zeit ist kein Erbe. Ein Erbe kann man ausschlagen. Die NS Zeit ist eine Hypothek, eine Verpflichtung, aus der man sich nicht zurückziehen kann.“

Als ich das Schloss verliess und die Umgebung erkundete, stiess ich auf eine Gedenktafel, die an der westlichen Mauer eingelassen ist. In martialischen Buchstaben steht in eine Granitplatte eingemeisselt ein Aufruf zu Erinnerung an die im Kriege 1939 – 45 gefallenen deutschen Soldaten. Dies war die zweite Gedenktafel, die ich am ersten Tag entdecken konnte.

Die Menschen von St. Peter


Ich habe die Häuser der Umgesiedelten besucht. Die Siedlung liegt etwas südlich der damaligen Stadt, heute von Neubaugebieten eingeschlossen auf einem Hügel. Ich konnte mit der ältesten Bewohnerin ein Gespräch führen. Erika Katzelberger kam in Alter von neun Monaten von St. Peter ins „Keferfeld“ genannte Quartier und hat nie anderswo gelebt. Heute bewohnt sie mit ihrem Mann Herrmann Rametsteiner das blaue Häuschen ihrer Eltern

Lebt wo sie aufgewachsen ist

mit dem grossem Garten. Ihr Lebensschicksal ist untrennbar mit den Linzer Stahlwerken „VOEST Alpine“ verbunden, und doch sprach sie den früheren Namen „Herrmann Göring Werke“ erst aus, als ich ihr in den Mund legte. Ihr Vater hat in dem Rüstungsbetrieb gearbeitet, um das Haus ab zu bezahlen. Ein Nachbar wurde misstrauisch auf mich aufmerksam, als ich im Quartier fotografierte, als ich ihm mein Ziel erklärte, kam sie mit ihrem Mann grade von einer Einkaufstour heim und hatte einen Eimer Orangen in den Hand.
„Ja, das Häuschen war etwas über unseren Verhältnissen, aber mein Vater konnte den Kaufpreis abarbeiten. Die Häuser waren etwas teurer, als was wir für unsere Häuser von St. Peter bekommen haben. Und weg mussten wir ja, da

In jedem Haus gab es ein Bad

war kein Bleiben. Während einigen Jahren leistete Vater zusätzliche Arbeit, das war’s auch wert, denn wir lebten hier ja gut. Toiletten im Haus, das hatten in St. Peter die wenigsten, hier bekamen das alle, und erst noch ein Bad mit Badewanne. Und bei uns hatte jedes Kind sein Zimmer. Das war damals ziemlich komfortabel. Und eine Garage hatten die meisten, aber ein Auto hatten wir nicht. In der Garage, da lebten Ziegen drin. Die Idee war ja, dass die Leute viel Garten hatten, um sich davon zu ernähren. Viele hatten Kleinvieh und Beete in denen alles Mögliche wuchs. Ja wir lebten hier nicht schlecht. Und Vater konnte den Kaufpreis mit Arbeit begleichen.“

Bewusst Abhängigkeiten schaffen?

Mir kam die Idee, dass da absichtlich Abhängigkeiten geschaffen worden sind, um sicher zu gehen, dass genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen.



Der letzte verbliebene Kremationsofen wird von diesem Betongebäude ummantelt

Gusen

Kurz vor Mauthausen folgte ich dem Wegweiser, der zur Gedenkstätte Gusen führt. Ich hatte nie von dem Ort gehört und wusste nicht, was mich dort erwartete. Monumentale Granit-skulpturen säumten die Abzweigung, doch sie erzählten mir nichts Deutbares vom Ort und gaben mehr Fragen auf, als sie hätten beantworten können. Mitten in einem absolut schmucklosen Dorf, dessen Fenster sich alle von der Strasse verschämt abzuwenden scheinen, liegen einige an Friedhofsarchitektur aus den 80-er Jahren erinnernde Betongebäude und Mauern, die einen mit grobem Granitkies bestreuten Platz umschliessen. Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Majdanek, Theresienstadt, Dachau, und eben Mauthausen sind Namen, die ich spontan mit dem Massenmord in Verbindung bringe. Gusen habe ich nie gehört. 37000 Menschen wurden hier ermordet, und das ist offenbar zu wenig, um in die Geschichtsbücher der Volksschule einzugehen.

37 000 Ermordete


Der letzte Kremationsofen in Gusen

Auch auf dem Parkplatz liegt grober Granitkies, in den die Räder meines Autos so tiefe Spuren gruben, dass ich Angst hatte, darin stecken zu bleiben.
Beim Parkplatz gibt es einen Situationsplan mit einer deutschen und einer englischen Legende. Die beiden Lager wurden 1939 zur Vernichtung von Häftlingen durch Arbeit in den Granitsteinbrüchen gegründet. So steht es auf der Tafel. Ein Broncerelief erklärt die Lage der Baracken und der Bergwerksstollen, aus denen der Granit für die Repräsentationsbauten, in Linz gebrochen wurde.
Innerhalb der Mauern steht ein Gebäude, dessen Fenster nicht mit Scheiben verschlossen sind, sondern nur Gitter verwehren den Eintritt. Im Innern birgt es einen zweikammerigen Kremationsofen, der mit farbigen Bändern und verdorrten Blumen geschmückt ist. Sie erinnern uns an die 37 000 Menschen, die hier in Gusen zu Tode gekommen sind.
Der Kremationsofen ist aus Backstein gebaut und wird mit verschraubten schwarzen Eisenbändern zusammengehalten. Ein sachlicher Bau, der sich von einem Töpfer- oder Bäckerofen nur wenig unterscheidet. Die Leichen wurden mittels eiserner Rutschen durch halbrunde Türen, die an die Befeuerungstüren einer Dampflokomotive

Der Wind verstreut die Asche

erinnern, in den Verbrennungsraum geschoben. Dort lagen sie auf einem Rost aus feuerfesten Steinen und wenn sie verbrannt waren, konnte ihre Asche durch ein kleines Türchen, wie man es bei Kachelöfen findet, herausgeschaufelt werden. In dieser Zeit konnte schon eine nächste Leiche in den Verbrennungsraum geschoben werden. Da die Befeuerung von der Seite her erfolgte, gelangte die Asche des Brennmaterials, Holz oder Kohle, durch separate Türen in eine Grube. Soweit die Asche der Toten nicht an einen besonderen Ort gekippt wurde, hat der Wind sie über das Lager und seine Umgebung verstreut. Jemand hat diese Funktion dieses Ofentyps erfunden, ich habe das gleiche Modell auch in Mauthausen gesehen. („Es waren keine bösen Menschen, nur Arbeitslose.“)

Über die Umfassungsmauern der Gedenkstätte lugen die oberen Stockwerke von scheinbar planlos hingebauten Ein- und Mehrfamilienhäusern. Ihre Fenster sind blind und geben keinen Blick ins Innere frei. Ich überlegte einen Moment, hin zu gehen, zu läuten und die Menschen zu fragen, wie sie auf einem ehemaligen KZ Gelände leben

Die menschliche Asche ist im Boden

können. Dort, wo der Wind die Asche von 37000 Ermordeten hingetragen hat. Woran sie denken, wenn sie im Frühling ein Loch graben, um einen Baum zu pflanzen. Denken sie daran, dass die Pflanzen, die hier wachsen die vorhandene Erde in ihr mineralisches Skelett aufnehmen? Da der Boden mit seinem Granitgrund äusserst siliziumhaltig ist, ist der Vegetation das Kalziumphosphat der menschlichen Asche als mineralischer Baustoff willkommen. Er wird in Bäume und Gräser eingebaut, findet sich in Blumen und Früchten wieder. Jeder Apfel, der hier geerntet wird, jede Tomate die prall und rot an der Sonne glänzt, hat Anteile in sich, die einst Teil eines menschlichen Körpers waren. Ob

Früchte enthalten menschliche
Moleküle

sie die Ascheschicht im Humus sehen können, hätte ich die Bewohner der umliegenden Häuser fragen wollen. So wie Archäologen anhand von Verfärbungen im Boden Rückschlüsse auf die Menschen, die an einem Ort zu einer bestimmten Zeit gelebt haben, ziehen können. Wie die Kinder dort spielen, wollte ich sie fragen und wie sie im Sandkasten graben. Wenn sie nachts beieinander liegen und Kinder zeugen, denken sie da an das, was an dieser Stelle geschehen ist, an die Kinder, die in diesen Öfen gleich hinter der Mauer verbrannt wurden? Verbrannt, bevor sie sich ihres Lebens bewusst wurden? Hört man nachts das Zähneklappern der Geschundenen, die in der winterlichen Kälte auf ihre Ermordung warteten? Ist das Stöhnen der Gefangenen, die in schwülheissen Sommernächten nach Luft und Kühlung rangen, verstummt? Oder schleicht es nachts durchs Quartier? Ist das Klopfen, mit dem sich Gefangene Mitteilungen weiterreichten, verhallt? Das Schreien der Mütter, deren Kinder vor ihren mütterlichen Augen totgetreten wurden? Das Zagen der getrennten Liebenden? Hört man ein Wimmern hinter den Betonmauern, die ihre Häuser von der Gedenkstätte trennen? Ist der Angstschweiss derer zu riechen, die Tote in den Ofen schoben, bis sie selber eines Tages auf der Rutsche ins Feuer lagen? Sind die Geräusche des Lagers vom Wind verweht?

Sind die Schreie verhallt?

Oder kommen sie in manchen Nächten zurück? Schläft man ruhig auf der Asche der Gemarterten? War das Land, auf dem sie ihre Häuser gebaut haben günstiger als anderswo? Kommen am Dreikönigstag die Sternsinger mit dem Priester und schreiben eine heilige Zahl an den Türsturz, um das Haus zu segnen und es vor bösen Geistern zu beschützen? Diese Fragen wollte ich den Bewohner der Häuser stellen, die ihre Dachfenster über die Umfassungsmauer strecken, als wollten sie vom erhöhten Ausguck aus den Überblick über das Lager bewahren können, um sicher zu sein, dass sich dort nichts rege. Wen schütz diese Mauer eigent-lich? Den Gedenkort vor den Nachbarn

Wen schützt die Mauer?

oder eher umgekehrt, die Nachbarn vor der Erinnerung? Nachdem ich mir die Fragen zurechtgelegt hatte, traute mich aber nicht an eine Türe zu klopfen und die Fragen, die mich bedrängten zu stellen. Ich verzagte aus der Furcht, die Antworten könnten meine Befürchtungen übertreffen. Würde ich es ertragen, wenn jemand sagen würde, es sei keine Frage, dass man auf diesem Gelände seine Kinder spielen lassen könne? Von Geistern habe wir nie etwas gehört, nein hier ist alles in Ordnung. Die Toten stö-ren das Familienleben der Bewohner nicht. Ihre Asche wurde vom Wind verstreut. Kann hier alles in Ordnung sein?

Die Häuser standen still da und nirgends war ein Mensch zu sehen.
Ich erinnerte mich an Ferdinand Oberbauer: „Es waren keine bösen Menschen, Arbeitslose.“ Sie haben Arbeit bekommen. Menschen haben diese Menschenvernichtungsmaschine erfunden und Menschen haben ihr tadelloses Funktionieren überwacht. Arbeit eben.

Familienhaus im Lagerbordell

Im Mai erfahre ich, dass einige der Häuser in der Hülle der Häftlingsbaracken und andere aus den Überresten des Lagers gebaut sind. Das ehemalige Lagerbordell ist ein Familienhaus geworden und im SS-Hauptquartier ist eine Villa. Die Menschen Leben ganz wohl darin. Bin ich der einzige, der hier Gespenster vermutet?

Konzentrationslager Mauthausen

Weiterfahrt nach Mauthausen, dem grössten Lager in dieser Gegend.
In dieser Gegend lagen die Lager zwischen Gusen und Mauthausen dicht an

Hier stand ein Lager neben dem andern

dicht. Ein kleines Lager neben dem andern. Gusen und Mauthausen waren nur die grössten. Von den andern blieb keine Spur. Die Vernichtung von Menschen durch Arbeit hatte System. Die Wirtschaft war auf Zwangsarbeiter angewiesen. Die arischen Männer waren im Krieg als Soldaten über ganz Europa verstreut, die Herrmann Göring Werke produzierten Stahl für die Wehrmacht. Ein kriegswichtiger Betrieb.
Die Strasse führt an Werkstätten vorbei, in denen heute immer noch mit Granit gearbeitet wird. Brunnentröge, Mauerverzierungen, Figuren. Venus von Milo, David von Michelangelo und Elefanten. Was Leute sich in den Garten stellen. Der Stein stellte sich bei näherer Be-trachtung als absolut homogen heraus. Keine Quarzader stört die Gleichmässigkeit des Materials, Keine Felspatausblühungen bringen unkontrollierten Charme in das Gestein. Die Farbe ist ein helles gleichmässiges Grau. Hitler wollte seine Prunkbauten in Linz mit diesem Granit erbauen lassen. Die Strassen und Plätze in Linz sind mit diesem Granit belegt. Viele Funda-mente der Stadt sind aus diesem Granit.
Das Lager Mauthausen liegt auf einem Hügel oberhalb des Dorfes, das ihm den Namen gegeben hat. Trutzig ragen seine Mauern in den Himmel. Wenn man den ersten Hof durchschritten hat, kommt man zu eigentlichen Lagertor. Einer mongolischen Festung gleichen die Türme mit geschwungenen Dächern. Auf alten Fotos sehen sie etwas anders aus, weniger geschwungen. Das dreiteilige Tor gibt den Weg frei auf den strengen Appellplatz. (Drei Tore nebeneinander haben auch Kathedralen. Ist hier eine Kathedrale des Bösen?) Ein eisiger Wind wehte über den Hügel, auf dem das Lager steht und drang tief in meine warme Kleidung. Von den vielen Baracken stehen nur noch wenige und auch davon sind einige seit Jahren von Sturmschäden gezeichnet und nicht zu betreten. Die Verbliebenen sind weitgehend ausgeräumt, in einem ist eine behelfsmässige Kirche eingerichtet, in den Untergeschossen ist zu besichtigen, was von den Lagereinrichtungen übrig geblieben ist. Leichenraum, Folterkammern, Genickschussanlage, Kremationsöfen, Gaskammer. Alles streng, schlicht und nach winterlicher Feuchtigkeit riechend. Grosse, schnörkellose Emailtafeln bezeichnen die Orte. In einem gekachelten Raum steht ein granitener Obduktionstisch. Hier wurde den Ermordeten Zahngold

Tätowierte Haut wurde gesammelt

heraus gebrochen und tätowierte Haut zur Aufbewahrung in einer Sammlung abgezogen. Menschen wurden hier ihres letzten natürlichen Schutzes beraubt. Hier wurde aus Menschen Menschenfleisch. Heinrich Himmler hatte für sein Wohnzimmer aus tätowierter Menschenhaut Lampenschirme fertigen lassen, und er hat jemanden gefunden, der das gemacht hat. („Es waren keine bösen Menschen...“) Immer wieder hallen mir diese Worte Ferdinand Oberbauers im Kopf. Ordentlichkeit und Nüchternheit prägen das Bild vom Ort. Schüler werden durch die Räume

Keine bösen Menschen?


Wer hat den Ort beschriftet? Stand da schon "Gaskammer" zur Zeit als noch Menschen hier zur Ermordung gebracht wurden?

geführt und kichern, wenn ihnen etwas Unpassendes in den Sinn kommt, meist folgen sie aber betreten vor sich hin guckend ihrem Guide (Guide, nicht „Führer“) und schweigen.
Draussen Strenge, winterliche Ruhe, die Schneedecke schluckt Geräusche, die Wege sind gefährlich vereist und manche der Wege sind gesperrt. Für Touristen zu gefährlich zu begehen. Vor dem eigentlichen Lager, zwischen den Baracken und dem Granitbruch haben die Nationen, die hier ihre Toten zu beklagen haben, einen Skulpturenpark eingerichtet. Manche der aufgestellten Werke erinnern in ihrem Ausdruck frappierend an die staatskonforme Kunst des faschistischen Deutschlands, dessen moralischer Untergang hier dokumentiert werden soll.

Unten im Steinbruch. Einem riesigen Dom gleich, nur ohne Dach erheben sich die Wände senkrecht aus einem

In den Tod gestürzt

topfebenen Boden. Auf der einen Seite führt eine steile granitene Treppe in Schwindel erregender Steilheit in die Höhe. Tafeln bezeichnen die Orte. Fallschirmspringerwand. Hier wurden Menschen von Menschen in den Abgrund gestossen, damit sie auf dem Grund zerschellten. Menschen mussten die Heruntergestossenen wegräumen, im Wissen, dass ihnen das gleiche

Die letzten Steine liegen noch da

Schicksaal jederzeit auch zustossen konnte. Steinhaufen liegen noch da, beim Zusammenbruch des Dritten Reiches reichte die Zeit nicht mehr aus, um sie zu verwerten. Diese Steine wurden von Häftlingen aus dem kompakten Fels gebrochen und bis hierher getragen. Die Brocken wiegen wohl je gut 50 Kilo.

Kühles Bier in Reichweite

Beim Zugang zum ehemaligen Steinbruch steht ein Wegweiser. Er weist den Weg zu Restaurant Kreuzmühle. Es liegt nur 200 Meter daneben und verspricht Erholung bei warmer Küche und kühlem Bier. Es lag auch vor 70 Jahren hier.

Ein Freund meines Schwiegervaters lebte ein Jahr lang im Konzentrationslager Mauthausen. Vom Mai 1944 bis Mai 1945. Er ist vor zwei Jahren in seiner Heimat Ungarn gestorben, seine Wittwe hat mir die Häftlingskarte und die Entlassungsurkunde zur Verfügung gestellt. Sein Name damals György Gold. Ein typisch jüdischer Name, den er nach dem Krieg abgelegt und gegen einen unverfänglichen Ungarischen Namen eingetauscht hatte.
Fand György Gold nach der Befreiung des Lagers den Weg hierher, wäre er hier bedient worden? Oder hätte man ihn des Weges gewiesen? Oder haben sich die Wirtsleute bei der „Mühlviertler Hasenjagd“ auf Seite der Jäger beteiligt? Ende April 1945 sind rund 500 russische Kriegsgefangene aus Mauthausen ausgebrochen. Die Bevölkerung wurde daraufhin aufgerufen, bei der Jagd auf die Entflohenen zu helfen, und so wurden sie von den Bewohnern der Gegend freiwillig auf grausamste Art, fast bis zum letzten Mann umgebracht. Nur zehn von ihnen überlebten die beispiellose Menschenjagd und erlebten die Befreiung durch die Amerikanischen Soldaten. Die Erinnerung an dieses menschenverachtende Ereignis

Beispiellose Menschenjagd

trägt bis heute den verniedlichenden Namen „Mühlviertler Hasenjagd“, als wär’s eine Bauernkomödie im Volkstheater. Waren auch diese freiwilligen Häscher keine bösen Menschen? Wird jeder Mensch zum Mörder, wenn er arbeitslos ist und ihm jemand einen guten Lohn verspricht? Nur 5 % der Flüchtlinge trafen auf Menschen, die bereit waren ein Menschenleben zu retten. Die andern waren nach 7 Jahren Nationalsozialistischer Regierung bereit zu morden oder wegzusehen, wenn gemordet wurde. 490 der Flüchtlinge trafen statt auf die erhofften Helfer auf Mörder.

Als ich wieder zum Auto ging, entdeckte ich an der Lagermauer, schlecht von der winterkahlen Ligusterhecke verdeckt, eine violette Schrift: „Was unseren Vätern der Jud, ist uns die Moslembrut. Seid auf der Hut. 3. Weltkrieg“. Die Schrift scheint schon lange hier zu stehen und nie hat jemand für nötig gefunden, sie entfernen zu lassen.
Ich erinnere mich an Ferdinand Oberbauers Worte: „Es waren keinen bösen Menschen, einfach Arbeitslose.“

Von zuhause aus schickte ich der Gedenkstättenleitung eine E-Mail, um auf die Schrift aufmerksam zu machen und zu fragen, warum sie nicht entfernt würde.

Die Antwort
kam bereits am nächsten Tag:

Sehr geehrter Herr Humm,
die Schmiererei wurde bereits entfernt.
Liebe Grüße
Jochen Wollner
Bundesministerium für Inneres
Abteilung IV/7 – Mauthausen Memorial

Und diese E-Mail erreichte mich zwei Tage später:
Ihre E-Mail vom 11.3.2009
Sehr geehrter Herr Humm,
mit Schreiben vom 11. März 2009 haben Sie uns darüber informiert, dass der Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen bei Ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, was wir auch als eine Wertschätzung unserer Arbeit ansehen, und wofür wir Ihnen auf diesem Wege danken möchten.

Leider sind Sie im Rahmen Ihres Besuches auch Zeuge geworden, dass es noch immer Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die nicht davor zurückschrecken, ihre antisemitische und ausländerfeindliche Gesinnung publik zu machen.
Aus Achtung und Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus und deren Angehörigen waren wir bemüht, die sichtbaren Zeichen dieses Aktes so rasch wie möglich entfernen zu lassen. Witterungsbedingt war uns dies am 3. März 2009 möglich.
Danke für Ihr gezeigtes Interesse.

Mit freundlichen Grüßen

Drr. Barbara Schätz,
Leiterin der Abteilung IV/7

Die Zeitungen sind in dieser Zeit voll von Protestbriefen gegen die Aufhebung der Exkommunikation eines englischen Bischofs, der die Shoah in der Form, wie sie in der allgemeinen Geschichtsunterricht gelehrt und tausendfach verbrieft ist, leugnet. Er wurde vor gut 20 Jahren mit drei weiteren Priestern der Priesterbruderschaft

keine Exkommunikation wegen Leugnung
Pius X. von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert und vom jetzigen Papst Benedikt XVI. wieder unter das Dach der katholischen Kirche eingeladen.
Seine Exkommunikation erfolgte nicht, weil er die Shoah leugnete, sondern weil er sich gegen die im 2. Vatikanischen Konzil unter Paul VI. beschlossenen Reformen des Gottesdienstes wehrte. Dort wurde unter anderem eine antisemitische Passage aus der Karfreitagspredigt gestrichen. Inzwischen hat der deutsche Papst Benedikt XVI. diese Passagen wieder zugelassen. So gibt es auch keinen wirklichen Grund mehr für die Exkommunikation. Dass er die Shoah leugnet, ist offenbar zuwenig Grund, ihn innerkirchlich zu massregeln.
Die Leugnung der Shoah ist in den meisten westlichen Staaten ein Straftatbestand, der von Gesetzes wegen verfolgt wird, im Vatikan offenbar nicht.




Euripides: Medea




1
Die Amme:
Dass Argo durch die düstern Symplegaden nie
Gefahren wäre, steuernd nach Kolcherland,
Dass auf den Waldhöhn Pelions die Fichte nie
Gefallen wäre noch der Helden Arme sie
Gerudert hätten, welche Pelias ausgesandt,
Das goldne Vlies zu holen! Nie dann segelte
Medea meine Herrin, nach Jolkos hin,
Für Jason in Liebesglut entbrannt,
Und Pelias Töchter nie zum Vatermord
Beredet, wohnte mit Gemahl und in Kindern nicht
Im Lande Korinthos, von Bürgern zwar geliebt...


Die ersten Zeilen der Tragödie Medea erzählen die Geschichte bevor das eigentliche Theater anfängt. Eine Teichoskopie, bei der die Handlung nicht gespielt, sondern erzählt wird. Zum Anfang des Stückes eine Klage, die genauso gut am Schluss stehen könnte.

Ich wollte mich am Abend nach dem Besuch der beiden Konzentrationslager erholen. Mir war nicht nach Essen zu Mute, die schwere Österreichsche Kost dampfte fettig aus den Restau-rantküchen und verstärkte bei mir das Gefühl von Übelkeit und Hilflosigkeit, das mir seit Gusen nicht erlaubt hatte, mehr als einige Schlucke Wasser zu trinken. Im Zugangsbereich des Büros der Kulturhauptstadt Lind 09 ist der allgegenwärtige Mauthausener Granit mit einer bühnenartigen Konstruktion aus Holz überdeckt. Im himbeerfarbigen Büro von Linz 2009 zeigte mir eine sehr freundliche, sehr junge Dame zwischen einem sehr tief geschnittenen T-Shirt und einem sehr hoch sitzenden Schal viel zarte Haut und dann noch das Programm für den Abend. Ich wählte das Programm. Schnell entschied ich mich für das erste Stück, das auf einer der Bühnen gegeben wurde und verliess das Büro. Die Auswahl war nicht berauschend gewesen, Medea von Euripides war das einzige Theater an diesem Abend in der Kulturhauptstadt.
Als das Licht anging, kauerte auf der Bühne eine farblose Person und sprach einen Text, den sie wohl gelernt hatte, der aber in ihrem Vortrag mehr an den Geschäftsbericht eines Warenhauses erinnerte als an eine antike Tragödie. Doch sie schaffte ihn ohne einen Blick zum Soufleurkasten. Erst nach dem Text der Amme und einer Passage mit dem Hofmeister kam langsam Handlung auf die Bühne. Eine dicke junge Frau in einem verrutschten Nachthemd betrat die Bretter. Sie rannte wirr im Bühnenbild herum und jagte Kinder mit einer Art Fangenspiel durch das unerklärliche Gestänge des Bühnenbildes. Medea, die Königin von Korinth. Ich hätte sie mir hübscher vorgestellt. Warum trug sie bloss so ein unnachahmlich lächerliches Nachtkleid, das ihr immer drohte über die Pobacken hinauf zu rutschen?

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„Ich leidendes unglücksseliges Weib!
Weh, wehe mir! Wär’ Ich des Todes!“

Rief sie, doch wurde nicht klar, ob sie sich ans Publikum wandte oder zu sich selber sprach. In diesem Aufzug konnte sie ja nicht an die Öffentlichkeit gehen, also musste es ein Selbstgespräch sein.

Der Abend in den Kammerspielen ging von einer Peinlichkeit zur nächsten. Medea wechselte in ein nicht weniger unpassendes Kleid, weiterhin rannte sie unmotiviert durch das Bühnenbild, das sich mit der Zeit als das Wrack der Argo erwies. Auch die andern Protagonisten kletterten darauf herum.
Auf der Bühne wurde gestritten, gelogen, gemauschelt. Intrigen nahmen ihren Lauf und doch blieb ich als Zuschauer über die ganze Distanz des Textes im Bewusstsein, dass ich im Theater sitze, nie packte es mich, nie glaubte ich Teil der Szene zu sein. Medea war in ihrem ersten wie in ihrem zweiten Kleid ein Bild entblösster Hässlichkeit. Statt einer Königin rannte ein Bauerntöppel über die Bühne, in die sich der smart gealterte Jüngling Jason nie und nimmer verlieben konnte. Von deren wässerigen Glupschaugen er aber auch nie eine raffinierte Lüge glauben würde. Über einer so breiten Stupsnase konnte nicht das Hirn sitzen, das zum tödlichen Schlag gegen ihre Widersacherin und ihre Sippe ausholte. Das den Mord an den eigenen Kindern ersann um den Vater zu treffen. Das dem Überlebenden Jason nachruft, dieses sein Elend sei noch nicht der Klage wert, das wahre Elend komme erst noch: Sein natürliches und einsames Altern. Dass er von diesen fetten Schenkeln weg wollte, zu einer jungen schönen Frau, ist mir als Mann gut verständlich. So eine Schauspielerin mag auf einer Volkstheaterbühne als Schankmadel hinterm Tresen bei einem Bauernschwank durchgehen. Doch spätestens, wenn sie als Medea raffiniert und durchtrieben Jason dazu bringen muss, seiner neuen Frau das tödliche Geschenk zu bringen, spätestens dann hat sie die Grenzen ihres Könnens überschritten. Da ist sie nicht als hinterhältige Medea, sondern als Fehlbesetzung entlarvt. Wie konnte der Regisseur nur auf diese Besetzung kommen? Und die dann in ihrer Unfähigkeit entblösster als nackt auf die Bühne treiben? So wie sie ziellos durch die Kulissenteile rannte und sich an eben nicht wirklich morschen Planken, die von sich behaupten, die Argo zu sein, festhielt, so ziellos gab sie den Text. Zwar ohne Stottern oder einen hörbaren Aussetzer, doch wenn dies das Mass sein soll, an dem ich eine Aufführung messen soll, dann hat das Theater als Kulturinstitut endgültig versagt.

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Weh, führe durchs Haupt mir den himmlischen Stahl!
Was brächte mir noch mein Leben Gewinn?
Weh, weh mir! O’ fänd’ ich Erlösung im
Tod Und schied’ aus dem traurigen Leben!

Ach stürbe sie doch auch! Dann könnte ich wenigstens schnell meinen Unmut in Bier ertränken, so, wie sie es mir ihren Kindern in Wasser gemacht hat. Medeas grausige Rache an ihrem untreuen Gemahl und der Mord an ihren eigenen Kindern war ihr noch nicht genug, in einem Schlussdialog mit ihrem Gatten Jason kündigt sie ihm nach dem Verlust seiner Kinder, seiner Geliebten und seines Beinaheschwiegervaters Kreon weiteres Unheil an:

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Jason:
Wehe Frevlerin, weh, Kindsmörderin, dir!

Medea:
Geh in dein Haus und bestatte dein Weib!

Jason:
Ich gehe, der beiden, der Kinder beraubt!

Medea:
Noch jammerst du nicht, doch harre des Alters!
(Und dies obschon Jason einen ganzen Jammermonolog führt! Doch es kommt schlimmer)

Da findet im Theater der hübschen und gutbürgerlichen Barockstatt Linz ein Schauspiel statt, das die menschliche Bosheit bis in ihre tiefsten Tiefen auslotet. Kein Auge bleibt trocken, keine Ungeheuerlichkeit wird den Figuren erspart. Die ganze Registratur der Grausamkeit wird da gezogen. Treuebruch, Verrat, Mord und Kindsmord geschehen und darüber hinaus wird ein weiteres Unheil angekündigt: Der ganz normale Alterungsprozess. Der soll einsam und ohne Kinder noch schwerer zu ertragen sein als das auf der Bühne Geschehene. So verabschiedet sich das Theater mit einem Hinweis auf die Zukunft, so, wie das Stück mit einem Blick hinter den Vorhang der Geschichte angefangen hat. Die Klage der Amme könnte am Ende wiederholt werden.

Zum Schluss applaudierte das Publikum nicht frenetisch, aber wohlwollend.


Weshalb bringe ich die beiden Themen unter dem Dach eines einzigen Textes zusammen? Was hat die Nachricht von den wieder unter den Schutz der Kirche genommenen Bischöfen mit den andern Geschichten zu tun? Wage ich damit die Aussage, dass die Basis der katholischen Kirche sich gegen reaktionäre Kreise zur Wehr setzt oder dass es solche aufgeklärten Kreise, die für ein offenes Geschichtsbewusstsein sich stark machen, doch wenigstens gibt? Hat Medea etwas mit der Geschichte der Stadt zu tun? Oder zeigt genau das unsinspirierte Scheitern am grossen Text etwas auf über die lokale Vergangenheit? Kann eine Brücke geschlagen werden zwischen dem Wegschauen, als mitten in der Stadt zehntausende von Zwangsarbeitern unter erbärmlichsten Bedingungen schuften mussten und nicht weit vor den Toren zehntausende auf brutalste Weise ermordet wurden, und dem Weggucken, wenn ein Drama, das Jahrtausende überlebt hat auf so unkritische Art aufgeführt wird? Gibt es eine Wegguckermentalität, die das Ende des Dritten Reiches überlebt hat? Kann von einem verunglückten Theaterabend auf mehr geschlossen werden? Ist es legitim zu sagen, eine Stadt ist so wie ihr Theater? Darf nicht auch in einer historisch belasteten Stadt wie Linz eine Klassikeraufführung so erbärmlich scheitern?
Gehe ich in der Kritik an der Aufführung zu weit oder ist es zulässig Fragen zu stellen und zu verbinden, auch wenn eine im Text allerdings nicht genannte Schauspielerin als völlig unfähig und abgrundtief hässlich beschrieben wird?

Ein Klassiker war ohne Panne und Provokation über die Bühne gegangen und so zerstreuten sich die Theaterbesucher in Kürze in den winterlichen Strassen der kleinen Stadt. Ein unkritisch vorgetragener Klassiker reisst niemanden von den Sitzen und provoziert keine Proteste. Bei einem mehrtausendjährigen Stück wird offenbar nicht erwartet, dass ein Bogen zu einem Tausendjährigen Reich gespannt wird. Niemand im Publikum fragte nach, was Medea mit Linz zu tun hat. Und niemand fragt sich, woher die schönen Granitplatten kommen, mit denen überall in der Altstadt die Strassen gepflastert sind. Und nur ich fragte mich ob im Zuschauerraum jemand gesessen ist, der an der „Mühlviertler Hasenjagd“ teilgenommen hat.


Quellen:
Euripides’ Medea
Agenturmeldungen
Häftlingskarte und
Entlassungsschein
Mauthausen von György Gold



Wie in Haut, die in Fetzen vom Leib gerissen wird steht das Brückenkopfhaus im Sommer da

Der zweite Besuch im Mai 09

Dem Bahnreisenden zeigt sich Linz mit der unterkühltesten Bahnhofsarchitektur, die man sich nur denken kann. In hellem Ortsbeton warten eine scheinbar übermässige Zahl Perrons auf Reisende, die den Zügen entsteigen wollen. Alles ist hell, sauber, und über den Perrondächern erhebt sich ein Glasturm, der trotz seinem transpartenten Fassadenmaterial keinen Blick ins Innere gewährt. In seiner Undurchsichtigkeit wird er der Wissensturm

Geschichtsloser Bahnhof

genannt, in seinem Innern verstecken sich Bibliotheken und Schulräume.
Der Rest des Bahnhofs scheint so geplant zu sein, dass er möglichst nichts über die Stadt verrät. Als berge er mit seiner hellen Geräumigkeit ein abgrundtiefes Geheimnis, das nur mit scheinbarer Transparenz vor der Welt verborgen bleiben könne.
Die Tramstation, die ins Zentrum oder in die Peripherie führt, liegt unterirdisch und gleicht in ihrer schmucklosen Nüchternheit einem Luftschutzbunker.

Menetekel auf den Stassen

Auf den Strassen der Stadt sind in unschuldigem Weiss vielerorts Schriften angebracht, die an Ereignisse erinnern, die in der Zeit von 1938 bis 45 dort geschehen sind.


Der schmerzliche Anblick des verletzten Hauses und die seltsam lustig / gemütliche Treppeninstallation zeigen den Spagat an, den die Stadt Linz mit ihrem Engagement Kulturhauptstadt gewagt hat.

Untere Donaulände: Joseph T. formiert in der Tabakfabrik eine Kommunistische Widerstandsgruppe. Er wird im KZ Mauthausen auf Befehl des Gauleiters kurz vor der Befreiung gemeinsam mit andern erschossen.


Klammstrasse 7:
Camilla E. hilft Kriegsgefangenen mit Essen und Kleidung. Sie verbreitet Weissagungnen über das Nahe Ende des „Dritten Reiches“. Eine anonyme Anzeige führt zu ihrer Verhaftung und Hinrichtung.



Bischofsstrasse 3:
Hier verbringt Adolf Eichmann seine Jugend. In der NS-Zeit orgenisiert er die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Er ist mitverantwortlich für die Ermordung von rund 6 Millionen Menschen.



Landestheater Linz:
Franz Léhars „Land des Lächelns feiert Publikumserfolge. Der jüdische Librettist des Stücks, Fritz Beda Löhner, bleibt ungenannt. Er ist am 4. Dezember 1942 im KZ Auschwitz ermordet worden.



Herrenstrasse 19:
Franz Jägerstetter sucht Rat bei Bischof Flieser – er kann den Kriegsdienst für Hitler nicht mit seinem Glauben vereinbaren. Jägerstetter wird als Wehrdienst-verweigerer am 9.8.1943 hingerichtet.


Die meisten Menschen gingen scheinbar achtlos an ihnen vorüber oder über sie hinweg, als würden sie die Mahnschriften nicht bemerken. Doch wenn ich die Kamera hervor nahm, sind die meisten Leute der Linse ausgewichen und wollten nicht mit einer Schrift zusammen fotografiert werden.

„Man kann ja nicht alles lesen“

Wenn ich Leute ansprach, verstummten die meisten oder behaupteten, die Schriften noch nie gesehen zu haben. „Es steht ja überall irgendetwas geschrieben. Da kann ich nicht alles lesen“, war die typische Antwort eines jungen wohlgekleideten Mannes.

Ich folge meiner selbstgemachten Karte von den Orten der Lager. Die meisten Orte sind nur schwer zu finden. Die Stadt hat ihr Gesicht verändert. Das Landgericht ist ein klassizistisches Gerichtsgebäude wie das in irgendeiner Stadt. Es wurde vor den Nazis gebaut und nach dem Krieg renoviert. Die ungerechten Richtersprüche haben

Unrecht ohne Spuren zu hinterlassen

im Granit keine Spuren hinterlassen. Die Architektur hat ihrer Vereinnahmung durch das Unrecht widerstanden.
Die Synagoge hatte ich im Februar erst nach langer Suche in einem Hinterhof zwischen einem Priesterseminar und einem Hochhaus gefunden. Es ist ein schlichter Sakralbau aus den Sechzigerjahren. Nur an einem alten Haus an der Strasse ist eine dunkle, fast unleserliche Eisentafel eingelassen mit der Aufschrift: Israelitische Kultusgemeinde. Die Synagoge ist eines der wenigen Gebäude, an dem ich keine Spur von Granit gefunden habe. Das ganze Gebäude besteht auch sorgfältig geschaltem Ortsbeton.
Nirgends in der Stadt habe ich Zeichen von jüdischem Leben gefunden. Hinter keinem Fenster sah ich eine Menorrah stehen, nie sah ich einen von einer Kippa bedeckten Kopf. Von den 700 jüdischen Menschen, die in der Stadt wohnen, findet man kaum eine Spur.




Was ist aus den Menschen geworden?

Haus der Geschichten


Opfer oder Täterin?

Ein leer stehendes Haus aus der Renaissancezeit wurde zum Haus der Geschichten. Ein Haus, um Geschichten neu zu schreiben, neu zu erfinden oder ihnen neu zu begegnen. Im Erdgeschoss wurde eine Videoprojektion gezeigt mit einer Tänzerin, deren Tanz in einem muffigen Kellerraum auf mehrschichtige Tüllstoffe projziert wurde. Durch die mehrschichtige Projektionsfläche entstand ein Eindruck, dass die Tiefe

Tanzvideo im Kohlenkeller


Wird die Stadt ihre Gespenster wieder einemal los?

aufgehoben wird. Eine Art umgekehrter Perspektive. Es war für mich eine Illustration der Gedanken von Gusen. Stellt sich die Tänzerin die selben Fragen wie ich oder wusste sie nichts vom Ort des Grauens etwas weiter unten am Fluss? War der Bezug gewollt oder fand er nur in meinem Hirn statt? Die Broschüre zum Haus schafft keinerlei Beziehung zwischen dem Tanz und der Geschichte der Stadt. Sarah Hoffmann tanzt einfach und die Projektion findet einfach im Kohlenkeller statt. Der Bezug zur Geschichte wird nicht gesucht.


In einem andern Raum waren an Seilen wie an einer Wäschetrocknung alte Fotonegative aufgehängt, so wie Ausdrucke in manchen Labors zum Trocknen gehängt werden. Mit einer Taschenlampe musste man Licht ins Dunkel bringen um zu sehen, was auf dem Zelluloid festgehalten war. Menschen, Kinder Hochzeitspaare, eine Familie. Wer waren diese Menschen? Waren es die Verschollenen? Oder die Ausgewanderten, die sich noch vor ihrer Flucht ablichten liessen, um wenigsten ein Bild von sich in der Heimat zu lassen?

Opfer oder Täter geworden?



Oder waren es die späteren Täter, die hier fotografiert wurden, während sie vom Bischof die erste Kommunion bekamen? Nein, es soll einen amerikanischen Thriller bebildern, der Bezug zum Ort ist nicht gegeben. Und doch denke ich, in Linz bekommt jedes Ding einen neuen Bezug.


Epilog

Ich habe im Laufe der Arbeit viele überraschende und auch sehr erschreckende Begegnungen und Erfahrungen gemacht. Wäre mir nicht in den ersten Stunden des Aufenthaltes Herr Oberbauer begegnet, wäre ich vielleicht für die Widersprüche der Stadt weniger sensibilisiert gewesen. In diesem Sinn muss ich ihm auch dankbar sein. Ich habe aus diesen Erfahrungen Schlüsse gezogen und Thesen abgeleitet, die nicht alle unumstösslich sind. Dabei habe ich auch einige gewagte und vielleicht auch ungerechte Thesen in den Raum gestellt. Vielleicht habe ich Menschen beschuldigt an Verbrechen, eine zum Mindesten moralische Mitschuld zu haben, oder sich nicht in dem Masse an ihrer Verarbeitung zu beteiligen, die ich von ihnen erwarten würde. Sie können sich hier nicht dagegen wehren, wenn sie dies als Anmassung empfinden würden und hätten vielleicht die ein Recht auf Gegendarstellung oder Erklärung.

Fragen und Behauptungen

Viele meiner Fragen und Behauptungen sind nicht zu beweisen, doch sind sie aus einem echten und aufrichtigen Willen heraus entstanden, das Unverständliche zu fassen. In Worte und Bilder zu packen und dem Leser, der Leserin die Aufgabe zuzumuten, sich selber ein Bild zu Situation, zu machen. Jeder Mensch, der sich mit dem Ort des Grauens auseinandersetzt, wird zu seinen eigenen Schlüssen gezwungen, jeder wird seine eigene Geschichte in die Wertung einfliessen lassen. In diesem Sinn habe ich nicht versucht, zu tun, als ob mein Blick auf die Thematik objektiv wäre. Ich hatte das Ziel der Betrachtung dieser unaussprechlichen Tatsache der Shoah einen Mosaikstein hinzuzufügen.

Eine letzte Frage

Zum Schluss noch eine letzte provokative Frage, die sich am letzten Abend meines Aufenthaltes gestellt hatte: Nach einer interessanten Busfahrt in verschiedene von Literatur bestimmte Orte, dem Dorf Saxen, wo August Strindberg einige Jahre verbracht hatte, dem Besuch der Burg Clam, und der Begegnung mit liberalen Geistern, wie dem Schlossherrn von Clam, fuhren wir durch das Dorf Mauthausen. Ich hatte es auf der ersten Fahrt nicht entdeckt, da der Weg zur Gedenkstätte nicht zwangsläufig durchs gleichnahmige Dorf führt.
Mauthausen ist mit grossem Abstand das bestgepflegte und am buntesten bemalte Dorf, das ich im Mühlviertel entdeckt habe.

Das bunte Dorf Mauthausen

Ein farbiges Barockhaus reiht sich ans andere und jedes versucht seinen Nachbarn mit reichhaltigen Stukkaturen zu übertrumpfen. Ich habe niemanden gefragt, ob die Häuser auch schon vor der nazionalsozialistischen Zeit so reich geschmückt waren. Vielleicht waren sie das. Ich habe auch niemanden gefragt, ob Mauthausen ein höheres Steueraufkommen habe als vergleichbare Gemeinden in der Gegend. Auf Grund der gepflegten Bausubstanz vermute ich es, aber vielleicht trifft auch diese Vermutung nicht zu. Aber in keinem andern Dorf der Umgebung stehen vergleichbar reiche Häuser und Gasthäuser. Doch: Welche Gemeinde ist schon vergleichbar? Welches Dorf ist Namenspatron für ein Konzentrationslager, in dem Hunderttausende ermordet wurden? Woher kommt dieser so unverhohlen zur Schau gestellte Reichtum?
Nach all dem Widersprüchlichen, nach den erschreckenden Erkenntnissen und Einsichten, die ich im Laufe der insgesamt neun Tage in Linz gewonnen habe, lässt sich aber der Verdacht nicht von der Hand weisen, dass der Wohlstand der Gemeinde Mauthausen nicht ohne Zusammenhang mit dem ehemaligen Konzentrationslager zu erklären ist: Der Carparkplatz am Dorfrand war voll besetzt. Die Busstouristen löschten ihren Durst und vielleicht auch die unverdaulichen Eindrücke des Tages mit einer kühlen Erfrischung in einem der Biergärten, und trugen so am Ort des Mordens zum Bruttosozialprodukt bei. Ich habe auch nicht nachgeforscht, ob ein Nachkomme eines KZ Angestellten im Ort Mauthausen einen Restaurationsbetrieb führt und so von der schauerlichen Geschichte, die sein Vorfahr mitgeschrieben hat, profitiert. Ich weiss auch nicht, ob Nachfahren derer hier leben, die an der „Mühlviertler Hasenjagd“ teilgenommen haben. Aber die Möglichkeit besteht, und mich lässt dieser Gedanke nicht kalt.





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